Alle Jahre wieder Oder 'Never change a running system?'
Auch zu Beginn des Wintersemesters 2009/ 2010 hatte das Institut für Politikwissenschaft in der ersten Semesterwoche wieder Absolventinnen und Absolventen sowie „Erstis“ zu einem Empfang in die Neue Aula geladen. Eine Einladung, die mit Begeisterung aufgenommen wurde, wie die hohen Besucherzahlen sowohl des offiziellen Empfangs im Großen Senat als auch des anschließenden Sektumtrunks im Kleinen Senat belegen. Als Institutsdirektorin Prof. Dr. Gabriele Abels am Abend des 23. Oktobers zu ihren Begrüßungsworten anhob, war auch der letzte Stehplatz im Raum belegt, so dass sich die entlang der Wände drängenden Besucher kaum von den dortigen Porträts der Universitätsdirektoren absetzten.
Das große Interesse weckt Hoffnung in Hinblick auf einen der zentralen Aspekte von Prof. Abels Rede – dass der Wissenschaft eine tragende Rolle in der Gesellschaft zu-komme. Die Institutsdirektorin gab den Anwesenden, und unter ihnen speziell den Ab-solventinnen und Absolventen, als Auftrag mit auf den Weg, bei aller notwendigen Distanz praxisnah am politischen Leben mitzuwirken. Schematisiertes Denken gelte es beherzt aufzubrechen; gute Arbeitsmöglichkeiten um sich einzubringen seien vorhanden. Für den Einstieg in die Arbeitswelt wünschte sie den BerufseinsteigerInnen alles Gute.
Wie auch in den vergangenen Jahren kam einem der Institutsprofessoren die Aufgabe zu, im Rahmen einer Festrede den aus dem Studium Scheidenden eine letzte wissenschaftliche Analyse mitzugeben und die Neuankömmlinge gebührend an der Universität Willkommen zu heißen. Bevor der diesjährige Festredner Prof. Dr. Thomas Diez unter dem Titel „Anders als die Anderen?“ zur Europäischen Außenpolitik referierte, sollten aber noch der Förderverein Polis – Mitorganisator der Veranstaltung – sowie eine Vertreterin der Fachschaft zu Wort kommen. Max Markus Mutschler, seines Zeichens erster Vorsitzender von Polis, präsentierte dann auch in bewährter Manier die vielseitigen Tätigkeiten des Fördervereins. Er stellte die ideelle und materielle Förderung für Studie-rende mittels Bücherspenden, Reisekostenzuschüssen oder der Bereitstellung von Diskussions- und Informationsforen dar, und wies darauf hin, dass all dies ohne das Engagement der Vereinsmitglieder nicht möglich sei. An dieser Stelle warb er um neue Mitglieder unter den Anwesenden, von denen zumindest die AbsolventInnen durch ihre Urkundenmappen, in denen sich jeweils eine der lachsfarbenen Polis-Broschüren befand, nicht umhin kamen die zum Beitritt notwendigen Unterlagen mit nach Hause zu tragen. Werbung für ihre Arbeit machte ebenfalls die Vertreterin der Fachschaft, die speziell die an Hochschulpolitik interessierten Studienbeginner ins Fachschaftsbüro im Kellergeschoss des Instituts für Politikwissenschaft einlud sowie auf die „Erstihütte“ in der zweiten Novemberwoche aufmerksam machte.
Nachdem die Institutsdirektorin in ihren Vorstellungsworten dem Festredner Prof. Diez dafür gedankt hatte, dass er durch seine, mit dem diesjährigen Anna-Lind-Preis hono-rierten, besonderen Verdienste um die Analyse der EU-Außenpolitik ebenfalls „zu Ruhm und Ehre des Instituts“ beigetragen habe, beschwichtigte der Gelobte mit dem Hinweis, dass er selbst doch an der Universität Tübingen so etwas wie ein „Ersti“ sei. Was ihn allerdings nicht davon abhielt, seinen darauf folgenden Vortrag in einer Warnung an die Studienanfängerinnen und -anfänger enden zu lassen. Prof. Diez stellte in seiner Festrede die Frage, ob und wenn ja inwiefern, die Außenpolitik der Europäischen Union ihrem Anspruch „anders als die Anderen“ zu sein, gerecht werde. Hierfür skizzierte er die geschichtliche Herausbildung der Akteursqualitäten der EU über die Einheitliche Europäische Akte, die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, die vermehrte Zusammenarbeit in sicherheitspolitischen Fragen nach dem 11. September 2001, bis zum Vertrag von Lissabon als eine aufsteigende Linie hin zu einer vergemeinschafteten Außenpolitik. Explizit wies der Festredner auf abweichende Positionen gegenüber der US-amerikanischen Außenpolitik, beispielsweise in der Frage der Todesstrafe, hin. Vor dem Hintergrund der gewachsenen Vergemeinschaftung im außenpolitischen Politikfeld – die Reihe von bereits durchgeführten europäischen Militäreinsätzen sei vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen – verwarf er auch die Frage nach den Akteursqualitäten der EU: Die Debatte hierüber sei von jeher überflüssig gewesen, schon allein in Hinblick auf die gemeinsame Außenwirtschaftspolitik der Union sowie die Präsenz der EU im internationalen System. In der anschließenden Auseinandersetzung mit den Konzepten der „Zivilmacht“ (François Duchênes) und der „normativen Macht“ (Ian Manners) zeigte sich Prof. Diez dann ganz als der Konstruktivismusexperte Europäischer Außenpolitik, als der er von Prof. Abels eingangs vorgestellt worden war. So hob er hervor, dass die EU in ihren außenpolitischen Handlungen nicht durch territoriale Interessen gesteuert sei, sondern v.a. durch den Anspruch „to shape conceptions of norm“ (I. Manners). In Bezug auf Manners schloss sich hieran allerdings sofort die bereits angesprochene Warnung an die Erstsemester an: Eine Analyse auf einer rein normativen Behauptung aufzubauen sei unredlich. Normorientierung sei immer relativ. Dies zeige für die Europäische Außenpolitik in der Empirie beispielsweise die Politik gegenüber der durch Wahlen legitimierten Hamas, oder der Fall des Zypernkonflikts.
In einem Punkt irrte der Professor jedoch – anders als von ihm für bereits auf 10 Minuten nach Beginn seines Vortrags prognostiziert, kam auch bis zum Ende der Festrede keine Langeweile im Großen Senat auf. Möglicherweise war dies aber auch auf die von den AbsolventInnen und deren Angehörigen ausgelöste Spannung auf die Urkundenvergabe zurückzuführen. Zweifellos standen die über dreißig anwesenden Absolventinnen und Absolventen im Zentrum der Veranstaltung und dementsprechend stellte die Übergabe der Urkundenmappen durch Prof. Abels den Höhepunkt des offiziellen Veranstaltungsteils dar. Hinzu kam die Prämierung hervorragender Abschlussarbeiten mit Büchergutscheinen durch den Förderverein Polis. Mit den besten Wünschen der Institutsdirektorin und einem ‚Attempto’-„ich wag’s“-Schlüsselanhänger ausgestattet, wagten sich die Urkundenbestückten dann in den Kleinen Senat, wo sie von mit Sekt gefüllten Gläsern und von Butterbrezeln erwartet wurden. So gestärkt konnten alle Anwesenden den Abend entspannt im Gespräch ausklingen lassen. Vielleicht hatte ja die Eine oder der Andere auch noch einen (letzten) Blick für die Porträts der UniversitätsdirektorInnen an den Wänden übrig, bevor es dann Abschied nehmen hieß. Nächstes Jahr anders als die anderen? Wohl eher nicht...