11.12.2007 01:27

Sonderstammtisch zur Libanonkrise

Frieden durch Abschreckung: Ein realistischer Lösungsansatz des Nahostkonflikts?

Für Donnerstag, den 20. Juli, wurde äußerst kurzfristig ein Sonderstammtisch zur Libanonkrise einberufen. Obwohl die Entscheidung hierfür erst am Dienstag fiel, konnten wir mit Holger Albrecht, M.A., die vielleicht geeignetste Person des Instituts für ein solches Thema im Rahmen des Stammtischkonzepts gewinnen.
Zuerst erinnerte Holger in deskriptiver Form an die wesentlichen Aspekte des Konflikts: 1. Teilkonflikt im Nahostkonflikt; 2. asymmetrischer Konflikt zwischen Israel und Hisbollah [="Partei Gottes"]; 3. Hintergrund des komplexen Bürgerkriegs im Libanon 1975-90; 4. Konsolidierung des politischen Systems nach 1990, wobei die Hisbollah Teil der libanesischen Regierung wurde (es entstand eine Organisation mit zwei Gesichtern: a. Wahrnehmung sozialer Aufgaben, b. Aufrechterhaltung des militanten Flügels v. a. im Südlibanon).

Dann näherte Holger sich der Konfliktanalyse, indem er für Entstehung und Verlauf der Krise zentrale Frage in den Raum stellte, und diese entweder selbst oder zusammen mit uns beantwortete:

(1.) Wie kam es zu der extremen Reaktion der Israelis? Allem Anschein nach habe sich in Israel, bzw. in der militärischen Führung, die Auffassung durchgesetzt, dass die Hisbollah Teil des Staates Libanon sei. Nur vor diesem Hintergrund seien die massiven Angriffe auf die Infrastruktur des Staates Libanon zu erklären –in Verbindung mit den anhaltenden „nadelstichartigen“ Übergriffen auf Israel trotz des teilweisen Rückzugs aus den besetzten Gebieten durch die Regierungen Scharon/ Olmert. Das israelische Militär schätze hierbei den Handlungsspielraum der libanesischen Regierung falsch ein, denen sowohl aufgrund militärischer Schwäche als auch wegen der akuten Bedrohung des staatlichen Zusammenhalts gegenüber Hisbollah die Hände gebunden seien.

(2.) Welche Rolle spielt die Kooperation der schiitischen Hisbollah mit Syrien und Iran? Albrecht war der Meinung, dass nicht Syrien, sondern Iran den wesentlichen Einfluss auf die Hisbollah ausübte. Hisbollah könne sich durch den Drogenanbau in der Bekaa-Ebene nicht hinreichend finanzieren und sei auf Unterstützung aus Teheran angewiesen. Allerdings seien sowohl Teheran, als auch die Hisbollah selbst von der Eskalation der Krise überrascht worden, was aus der sofortigen Gesprächsbereitschafts Irans in den Atomverhandlung ersichtlich werde. Der mittelfristige Gewinner der Libanonkrise könne Syrien werden, die durch den Konflikt wieder in den Libanon zurückgebracht werden könnten.

(3.) Kann die israelische Abschreckungs-Strategie aufgehen? Militärisch könne Israel aufgrund ihrer technologischen Überlegenheit nicht verlieren. Wie die vergangenen Kriege zeigen, kann Israel die Hisbollah aber auch nicht wirklich besiegen. Eine Kontrolle oder gar Ausschaltung der Hisbollah sei wegen deren enormen Rückzugsmöglichkeiten illusorisch. Möglicherweise verfahre das israelische Militär auch nach einer ‚mad-man-strategy’, um der scheinbar irrationalen Guerillataktik der Hisbollah entsprechend zu begegnen. Das Ergebnis sei eine Kollektivstrafe gegenüber Libanon, unter der v. a. die Zivilbevölkerung zu leiden habe.

(4.) Wie groß ist die Gefahr eines Wiederauflebens des Bürgerkriegs im Libanon? Der Libanon sei ein äußerst fragiles System, das auf Ausbalancierung zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen basiere. Israel versuche die libanesische Regierung gegen die Hizbollah aufzubringen. Falls ein Keil zwischen den starken schiitischen Anteil und die anderen Bevölkerungsteile getrieben werde, drohe zweifellos der Wiederausbruch des Bürgerkriegs. Interventionen durch Internationale Organisationen seien in sofern kritisch zu sehen, da eine „Pufferzone“ aus mit hartem Mandat ausgerüsteten Truppenteilen wahrscheinlich in erster Linie aus westlichen Soldaten bestehen würde. Diese würden aber niemals überparteilich agieren. Oder könnten wir uns vorstellen, dass ein Bundeswehrsoldat dass Feuer auf einen Israeli eröffnet?

Für Holger spricht einiges dafür, dass Israel auf einen Zwischenfall gewartet hat, der ein massives militärisches Vorgehen legitimiert. Ebenfalls seien wohl im Vorhinein bilaterale Absprachen mit den USA getätigt worden. Ein erneuter Bürgerkrieg im Libanon könne aber auch nicht im Interesse Israels liegen.

Eine friedliche vorlesungsfreie Zeit,

wünscht sich und Euch: der Polis-Vorstand.

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